

Köbi Vinyl. Kriminalroman Autor: Stephan Pörtner Verlag: Bilgerverlag (2026)
Kurzbewertung
Stephan Pörtner hat mit «Köbi Vinyl» eine heftig rumpelnde Geschichte geschrieben, die der Bilger Verlag eigentlich in die Krimischublade gesteckt haben möchte. Zurecht? Der Autor scheint dem Streben nach Erfolg mit einer gewissen Punkattitüde jedenfalls dermassen abhold zu sein, dass schliesslich eine erfolgreiche Ermittlung zum Tod des Plattensammlers Chris und zum Verschwinden des politischen Stänkerers Marco Würmli gar nicht mehr im Zentrum dieser Geschichte zu stehen scheint. Also ein Krimi, der eigentlich gar keiner sein will? Mit Sicherheit lesen wir eine abenteuerliche Erzählung mit viel Zürich und noch viel mehr Überlegungen zu Sinn und Unsinn des Lebens der heutigen, nach Erfolg strebenden Normalos und anderer weniger erfolgreicher Erdenbürger sowie einigen aberwitzigen Empfehlungen wie es (zum Beispiel mit Hilfe von Enten) besser werden könnte. Schön schräg und am Schluss, genannt Ente statt Ende, eine hörenswerte Playlist mit viel Punk und auch anderen musikalischen Preziosen – zum Beispiel dem wunderschönen «Hope» der Lyrikerin und Sängerin Arlo Parks. Hören und lesen!
Ausführlichere Besprechung
Der nicht mehr ganz junge Köbi Vinyl (je älter desto sterben, heisst es irgendwo) ist eigentlich Mitarbeiter eines Plattenladens nahe dem Zürcher Helvetiaplatz mit Fokus auf alten Punk-Scheiben, daneben aber ist er auch Getränkehändler (Firma Düsentrieb) UND Ermittler. Ermittler wider Willen, wie es scheint, denn die Anfrage von dem vermögenden Hugo nach dessen Freund Marco Würmli aka Würm zu suchen lehnt er zu Beginn jedenfalls vehement ab. Nun macht er sich aber dennoch auf zum Milchbuck, wo Hugo wohnt, und erfährt von ihm Einiges über den Würm, der sich mit seinen kritischen auf Social-Media geäusserten Ansichten Feinde im rechten, vor allem bei der Freiheitlichen Jugend, aber auch im linken Lager gemacht hat. Neben Würm selbst ist auch sein gelbes, handgefertigtes Fahrrad aus seiner Wohnung verschwunden, wie sich später herausstellt. Im gleichen Zeitraum wird Chris, dem Köbis Chef Peter seine Plattensammlung abgekauft hat, von Köbi tot unter dem Fenster von dessen Wohnung aufgefunden. Selbstmord oder hat ihn eine seiner auf das Familienerbe lauernden Schwestern, mit Namen Bianca und Claudia, aus dem Fenster gestossen? Für Vinyl Köbi jedenfalls wird es zunehmend ungemütlich, von einer von Bianca auf ihn geworfene Buddhastatue, über falsche Beschuldigungen durch eine renitente Polizistin, tätlichen Angrifen durch einen gewaltbereiten Vertreter der Freiheitlichen Jugend bis zu einer unverhoften Rauferei nach einem Punkkonzert. Alles wie früher? Eher nicht – anders jedenfalls. Lebenswerter?
Wir wagen einen Blick in die Kristallkugel und freuen uns an diversen Überraschungen, zu denen auch quakende Enten gehören!
Stephan Pörtner ist ein Zürcher Autor aus einer Schriftstellerfamilie mit bunter Vergangenheit (Zürcher Jugendunruhen, Gründung eines selbstverwalteten Getränkehandels) der Kriminalromane schreibt. «Köbi Vinyl» ist ein weiteres Buch der Reihe um das, wie moniert wird, Alter Ego des Autors. Mit seiner lakonischen etwas kauzigen Sprache führt der Autor uns auf bizarren Velorouten und anderen Wegen durch Zürich mit Schwerpunkt auf den Kreis 4. In mit Titeln aus dem Bereich Drei-Akkord-Punk und angewandten musikalischen Orten überschriebenen Kapiteln (es wird am Ende des Buchs eine entsprechende Playlist zitiert, die es verdient gehört zu werden) unterhält uns der Autor mit skurrilem Witz und einer arg mäandernden Geschichte um die Suche von Köbi Vinyl nach dem verschwundenen «Anarchisten» Marco Würmli, eine Suche, die durch den mutmasslichen Mord an Chris unglücklicherweise ziemlich aufgehalten wird, jenem Chris, dessen Punkplattensammlung Peters Laden aufgekauft hat und dem Köbi seinem Namen verdankt. Kompliziert? Durchaus! Aber auch mit viel schelmischem Witz begleitet, sodass dem Leser, der Leserin der Spass an der Lektüre nie vergeht. Eine Lektüre bei der hinter dem abgründigen Schabernack durchaus auch der Ernst des Lebens und des dazugehörenden Sterbens hindurchschimmert. Gibt es ein glückliches Leben ohne Erfolg und ohne grosse Ansprüche? Kann man mit einfachem In-die Luft Gucken und ausschlafen durchkommen?
Wem würde ich das Buch empfehlen?
Für eingefleischte Zürcher mit Interesse an Musik und anderem Schabernack und Auswertige, denen der Humor noch nicht vergangen ist